veröffentlicht im April 2016
in der Fachzeitschrift für Autorinnen und Autoren „Federwelt“ Nr. 117

Heute schon geschrieben?
Teil 1: Normseite einrichten, Themen suchen, anfangen

Mit unserem für die Federwelt adaptierten Heute-schon-geschrieben?-Mitmachkurs möchten wir Sie einladen, eine Kurzgeschichte zu entwickeln, die das Zeug hat, in einer Anthologie zu landen oder bei einem Wettbewerb zu überzeugen. Dafür liefern wir schrittweise die Theorie, Übungen und eine Schreibaufgabe zum Lösen und Einsenden. (Und natürlich sprechen wir alle heißen Problemeisen an! Dinge, die vielen AutorInnen zu Anfang Probleme bereiten.)

Erreicht uns zur jeweiligen Aufgabe ein Text, den wir klasse finden, drucken wir ihn im nächsten Heft zusammen mit einer kurzen Begründung von Diana Hillebrand, was genau diesen Text „veröffentlichenswert“ macht. Zum Mitlernen für alle!

Für den Abdruck erhält die Autorin/der Autor eine signierte Gesamtedition von „Heute schon geschrieben?“. Wer sich mit seiner Kurzgeschichte ins Heft nach dem Kursfinale schreibt, gewinnt dazu: die kostenlose Teilnahme an einem Schreibkurs seiner Wahl bei Diana Hillebrand in der WortWerkstatt SCHREIBundWEISE in München, inklusive Verpflegung, exklusive Anreise und Unterkunft. (Der Gewinn ist nicht auszahlbar. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.)

Und nun geht’s los ...

Schritt 1: Eine Normseite einrichten*

Die Bezeichnung Normseite stammt noch aus der Zeit der Schreibmaschinen; bei denen man sie ganz leicht mittels eines Schiebereglers an der Seite einstellen konnte.

Die Seite dient als Berechnungsgrundlage für das Honorar von Autoren, Übersetzern und Lektoren. Die Vorgabe einer Normseite lautet: 30 Zeilen à 60 Anschläge. Diese wurde im Rahmen des Normvertrags definiert, den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit dem Verband deutscher Schriftsteller als Empfehlung für die Vertragsgestaltung erarbeitet hat. Daraus ergibt sich eine Gesamtzeichenanzahl von maximal 1.800 Zeichen inklusive Leerzeichen!

Eine weitere Voraussetzung für die Normseite ist die passende Schrift. Durchgesetzt hat sich beispielsweise die nichtproportionale Serifenschrift Courier beziehungsweise Courier New unter MS Windows. Als Serifen bezeichnet man übrigens die kleinen Endstriche eines Buchstabens, die auch Füßchen genannt werden. Diese Füßchen bilden eine waagerechte Linie und geben dem Auge des Lesers eine Orientierung beim Lesen.

Nichtproportional bedeutet, dass alle Zeichen der Schrift den gleichen Platz beanspruchen. Das kleine i ist also genauso breit, wie das m. Nur durch eine nichtproportionale Schrift ist es möglich, immer die gleiche Anzahl von Zeichen in eine Zeile zu bekommen. Dies ist für die Einhaltung der Vorgabe von maximal 60 Zeichen pro Zeile einer Normseite also wichtig.

Manchmal haben die Verlage aber auch ganz eigene Vorstellungen über die Schriftart der eingereichten Manuskripte. Sie finden diese Vorgaben in der Regel auf der Website des Verlages oder in der Ausschreibung und sollten sich unbedingt daran halten!

Verzichten Sie außerdem auf Blocksatz, automatische Silbentrennung, manuelle Trennstriche und andere Formatierungen wie Fettdruck, Unterstreichungen oder Großbuchstaben. Der Verlag wird die Qualität Ihres Textes inhaltlich und anhand Ihres Stils bewerten und nicht aufgrund Ihrer Hervorhebungen. Eine gute Geschichte wirkt aus sich heraus und braucht keinerlei Verstärkung!

Außerdem sollte auf jeder Manuskriptseite oben links in der Kopfzeile Ihr Name stehen. In der Mitte können Sie den Arbeitstitel des Manuskriptes angeben und am Rand unbedingt eine Seitennummerierung. An den unteren Rand schreiben Sie in die Fußzeile Ihre vollständige Adresse. Die Seiten kommen als lose Blattsammlung in einen Hefter oder werden – wenn es sich um umfangreiche Manuskripte handelt – mit einem Gummiband zusammengehalten.

Der Grund hierfür ist, dass Verleger und Lektoren mit Ihren Texten arbeiten, sie auseinanderfächern oder die Seiten nebeneinander auf den Tisch legen. Wenn das Manuskript gebunden ist, ist das nicht mehr möglich.

Und so können Sie Ihre Normseite als Word-Vorlage am Computer einrichten:

  • Öffnen Sie ein leeres Word-Dokument.
  • Benutzen Sie als Schriftart Courier New, Schriftgröße 12.
  • Wählen Sie Seite einrichten aus und geben Sie für die Seitenränder folgende Abstände ein: oben 4,5 cm, unten 2,7 cm, links 2 cm, rechts 4 cm.
  • Richten Sie unter Format, Absatz den Zeilenabstand auf 11/2-zeilig ein.
  • Tragen Sie in die Kopfzeile Ihren vollständigen Namen, den Arbeitstitel und eine Seitennummerierung ein; die Seitennummerierung können Sie automatisch einfügen lassen.
  • Setzen Sie nun Ihre vollständige Adresse in die Fußzeile.
  • Speichern Sie Ihre Normseite jetzt unbedingt als Vorlage im Standardordner für Ihre Vorlagendokumente ab; wählen Sie als Dateityp die Dokumentenvorlage dot aus und speichern Sie sie in Ihren Vorlagen unter dem Namen Normseite ab.
  • Ab sofort nutzen Sie diese Vorlage immer für Ihre Manuskripte.
  • Achtung! Selbstverständlich müssen Sie Ihren Texten dann einen Namen geben und sie wie gewöhnlich als doc-Datei speichern. Ihre Dokumentenvorlage bleibt erhalten und kann beim nächsten Mal über Datei neu frisch und unbeschrieben aufgerufen werden.

Schritt 2: Themen suchen*

Die Ursuppe des Schreibens

Die Ursuppe des Schreibens ist eine konzentrierte Essenz. Darin tummeln sich Ihre zurückliegenden Erfahrungen und Erlebnisse ebenso wie all die Gefühle und Eindrücke, die Sie täglich wahrnehmen. In meiner Ursuppe schwimmen die Angst vor Mathematik aus meiner Kindheit genauso wie die unbändige Freude über mein erstes Saxophon, wie der erste Milchzahn meiner Tochter, ein regnerischer Tag in den Bergen, der salzkrustige Geruch des Meeres in Ligurien  ...

Ihre Ursuppe des Schreibens ist voller Leben und höchst fruchtbar. Sie ist in der Lage, neue Welten entstehen zu lassen. Sie können mit vollen Händen daraus schöpfen, wenn Sie lernen, mit allen Sinnen zuzugreifen und die Dinge auszuwählen, die Sie gerade für Ihre Geschichten brauchen.

Zum Glück ist die Ursuppe unerschöpflich, da sie ständig mit neuen Inhalten versorgt wird. Doch es reicht nicht, nur wild darin herumzuwühlen. Die Teilchen brauchen eine Richtung. Deshalb wenden wir uns an dieser Stelle zunächst ab von dieser fruchtbaren Substanz und suchen eine Idee.

Doch wo finden Autoren ihre Inspiration?

Liegen die Geschichten wirklich auf der Straße?

Um Ihnen einen ersten Weg zu zeigen, wie Sie Ideen für Ihre Geschichten entwickeln können, schicke ich Sie tatsächlich auf die Straße! Doch der Weg ist nicht so weit, denn die Grundlage für Ihre Schreibübung finden Sie am Zeitungskasten. Diese Zeitungskästen sind eine wahre Fundgrube! Denn die Leute, die sie aufstellen, haben die Angewohnheit, die wichtigen Schlagzeilen des Tages übergroß herauszustellen. Die Headlines sollen die Menschen animieren, stehen zu bleiben und zu lesen. Diese Schlagzeilen sind wie Anker, die Bilder und Gefühle im Kopf des Lesers entstehen lassen. Profis sitzen täglich daran und denken sie sich aus. Sie können diese Professionalität nutzen, sich davon inspirieren lassen. Nehmen wir zum Beispiel die Überschrift: Dieb stiehlt Bratwurst aus Kirche. Läuft in Ihrem Kopf dazu ein Film ab? Haben Sie Ideen, wie es zu dem Diebstahl gekommen sein könnte? Notieren Sie diese.

Die eigene Kindheit ist eine Fundgrube?*

Es fällt nicht jedem auf Anhieb leicht, den Zugang zum Schreiben zu finden. Immer wieder erlebe ich Kursteilnehmer, die zwar unbedingt schreiben wollen, aber nicht wissen, welche Geschichten sie schreiben könnten. Im Gespräch zeigt sich dann, dass es oft der eigene Anspruch ist, der ihnen im Weg steht. Immer wieder höre ich den Satz: „Über das Thema sind doch schon so viele Bücher geschrieben worden.“

Das stimmt natürlich, aber jedes Buch ist doch sehr individuell durch den jeweiligen Autor geprägt, der seinen eigenen Stil, seine persönliche Wahrnehmung hat. Diese These lässt sich ganz leicht belegen. Einmal im Jahr, im Herbst, veranstalte ich mit meinen Kursteilnehmern eine Lesung. Dafür gebe ich fünfzehn Kursteilnehmern dasselbe Thema. Sie können sich kaum vorstellen, was für unterschiedliche Geschichten dabei herauskommen.

Schreibübung: Abtauchen in die eigene Kindheit*

Denken Sie an Ihre eigene Kindheit zurück. An welche Gerüche, Geräusche und Erlebnisse erinnern Sie sich? Schreiben Sie eine kurze Geschichte über ein Erlebnis aus Ihrer Kindheit. Füttern Sie Ihren Text mit sinnlichen Wahrnehmungen aus dieser Zeit. Füllen Sie Erinnerungslücken ruhig fiktiv auf.

Es kommt nicht darauf an, alles richtig aufzuschreiben, sondern darauf, Ihre Leser zu berühren. Wenn Sie sich schwertun, sich zu erinnern, suchen Sie einen Gegenstand aus Ihrer Kindheit. Vielleicht hatten Sie einen geliebten Teddybären, eine Puppe, eine Kuscheldecke, eine Eisenbahn oder ein Buch. Reisen Sie in Gedanken zurück. Von wem und wann haben Sie das geliebte Stück bekommen? Was haben Sie dabei als Kind gefühlt?

Nehmen Sie sich Zeit für diese Schreibübung. Sie tut wohl, und Sie werden feststellen, zu diesem Thema fällt Ihnen bestimmt etwas ein.

3. Schritt: Anfangen

Sie haben Ideen gesammelt? Aus der Übung „Abtauchen“, durch „Headlines“ oder ...? Dann schreiben Sie jetzt den Anfang Ihrer Geschichte. Öffnen Sie Ihr Normseiten-Dokument, geben Sie Ihrer Geschichte einen Titel und fragen Sie sich, wie Sie einen solchen Sog erzeugen, dass man Ihre Geschichte unbedingt weiterlesen will: am Herd, auf Klo, beim Bügeln ... Schreiben Sie los!

*Adaption aus „Heute schon geschrieben?“, Band 1

Cover der Federwelt Nr. 117

Dieser Artikel wurde im April 2016 in der
Federwelt — Zeitschrift für Autorinnen und Autoren —“ veröffentlicht.

Autorin: Diana Hillebrand | www.diana-hillebrand.de